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Atlantis - Die Geschichte einer Stadt in drei Akten   

Atlantis 2: Atlantis - Die Geschichte einer Stadt in drei Akten

Atlantis: Frei erfunden oder doch Realität?
Schon im 4. Jahrhundert vor Christus wurde das mythische Inselreich Atlantis erstmals vom griechischen Philosophen Platon erwähnt. Die Hauptinsel soll nach seinen Angaben jenseits der Säulen des Herakles, welche in der griechischen Mythologie das Ende der Welt kennzeichnen, gelegen haben. Die Insel wird sowohl als mächtig als auch reich an Bodenschätzen, Tieren und Pflanzen beschrieben. Atlantis bedeutet „Insel des Atlas“, welcher der älteste Sohn des Gottes Poseidon war. In manchen Theorien wird Atlantis aufgrund seiner untergehenden Schönheit auch als Symbol für Poseidons sterbliche Frau Kleitos gedeutet. Althistoriker und Forscher der klassischen Sprachen wie Latein und Altgriechisch gehen stark davon aus, dass die Geschichte von Atlantis eines von Platons frei erfundenen Werken ist. Allerdings besteht noch immer ein gewisser Zweifel, da Platon meist sehr deutlich machte, ob sein Werk ein Mythos oder eine Erzählung nach wahren Begebenheiten war. Nach Platon soll die gesunkene Seemacht Atlantis tatsächlich existiert haben. Ob es das prächtige Inselreich nun wirklich gegeben hat, wird der Menschheit wohl auf ewig verborgen bleiben.
Und für alle, die jetzt ins Atlantisfieber gekommen sind, sind hier noch die besten Bücher und Filme rund um das Inselreich:
Filme: 20.000 Meilen unter dem Meer (Actionfilm) Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt (Zeichentrickfilm)
Bücher: Marliese Arold – Die Delfine von Atlantis Justin Richards – Der Atlantis Code Patrick Lagrou – Der Fluch von Atlantis
Chiara Neumeier
Am Morgen der Katastrophe lag ein ungewöhnlich starker Fischgeruch in der Luft. Das Meer hatte einen leicht gräulichen Farbton und kräuselte sich bedrohlich. Doch Marina achtete nicht auf derlei Anzeichen. Sie hetzte an der Uferpromenade vorbei, ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen. Endlich erreichte sie die Brücke, die den Außenbezirk der Bürger mit dem zweiten Landring verband. Unglücklicherweise war diese Brücke nicht nur die breiteste im ganzen Bereich der Hauptinsel Atlantis', sondern auch die längste. Schließlich war der äußere Kanal, der den Haupthafen beherbergte, fast 600 Meter breit. Sie könnte natürlich auch eine der zahlreichen Fähren nehmen, die alle paar Meter zum Übersetzen einluden, aber sie hatte kein Geld, um es diesen geldgierigen Wucherern hinterher zu werfen. Trotz der frühen Morgenstunde tummelten sich auf der Brücke schon einige Menschen. Viele wollten sich eines der Pferderennen ansehen, die mehrmals pro Woche auf dem Hippodrom stattfanden. Manche wollten einfach nur in den Gärten lustwandeln oder sich in einer der zahlreichen öffentlichen Übungsstätten körperlich ertüchtigen. Doch egal, was der Grund für die frühzeitige Aktivität sein mochte, in aller Munde war nur ein Thema: Atlantis war besiegt worden. Und das zum ersten Mal seit Menschengedenken. Atlantis, die militärische Supermacht, mit 1200 Kriegsschiffen, hatte tatsächlich eine Niederlage erlitten. Und das, nachdem sie ohne Rückschläge ganz Nordafrika und große Teile Asiens eingenommen hatten! Wie konnte es sein, dass sie von den auch noch zahlenmäßig unterlegenen Athenern besiegt worden waren? Diese Landratten konnten doch noch nicht mal ein einfaches Segelboot steuern! Der Schock über dieses scheinbar unmöglich erscheinende Ereignis saß tief. Für Marina war es aber noch ein Stückchen schlimmer, als für die meisten anderen. Denn ihr Vater befand sich unter den Kapitänen, die zur Schlacht ausgezogen waren. Ein bisschen Angst um ihn hatte sie jedes Mal, aber diesmal schnürte ihr die Panik die Kehle zu. Was, wenn er diese Niederlage nicht überlebt hatte? Heute sollten die Kriegsschiffe zurückkommen und wie immer am inneren Kanal anlegen. Einmal mehr verfluchte Marina, dass sie noch nicht auf den äußeren Ring gezogen waren. Als hochrangiger Kapitän hatte ihr Vater eigentlich ein Recht dazu. Doch er wollte sich natürlich ein prächtiges Haus leisten, weshalb noch ein paar Eroberungszüge notwendig gewesen waren. „Wenn wir Athen eingenommen haben, dann komme ich noch reicher zurück und dann bauen wir uns das schönste Haus des ganzen äußeren Rings“, hatte er zu ihr gesagt und ihr einen dicken Schmatzer auf die Stirn gedrückt. Von wegen, noch reicher. Sie konnte nur beten, dass er überhaupt zurückkam. Marina war so in Gedanken versunken, dass ihr von einem Elefanten fast der Fuß zerquetscht worden wäre, doch zum Glück konnte sie gerade noch zu Seite springen. „Pass doch auf!“, rief der Reiter zu ihr hinunter, dann setzte der Koloss seinen Weg fort. Sie hatte schon mehr als die Hälfte der soliden Steinbrücke überquert, als das erste Beben einsetzte. Sie hörte nur ein undefinierbares Grollen, dann zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. Sie stürzte gegen den Mann vor ihr und landete auf dem Boden. Die folgenden zwei Minuten verbrachte sie im Staub kauernd und sich krampfhaft an einer Brückenstrebe festhaltend. Die Erde bäumte sich auf, wieder und wieder, während der Stein unter ihr knirschte und knackte. Dann war es still. Mühsam rappelte sich Marina auf. Die Brücke stand noch. Dann blickte sie hinüber zum anderen Ufer, wo die Häuser der königlichen Garde und Kapitäne standen. Alle waren noch heil. „Wenn die Häuser auf den zwei Ringen nicht mehr stehen, dann ist es so gut wie vorbei mit Atlantis“, hatte ihre Großmutter einmal gesagt. Denn die Häuser waren erdbebensicher gebaut und hielten auch den stärksten Beben seit vielen Jahren stand. So auch diesem. Erleichtert stemmte sie sich hoch und half auch einigen anderen aufzustehen. Man klopfte sich den Staub vom Gewand und fragte nach dem Befinden. Aber allen ging es gut und nur ein paar Minuten später ging das Treiben auch schon weiter. Man hatte hier schon stärkere Erdbeben erlebt. Nur wenige drehten um und hetzten davon, vielleicht weil sie nach ihren Kindern sehen wollten, vielleicht, weil sie etwas Wertvolles nicht erdbebensicher verstaut hatten. Egal, Marina hatte andere Sorgen. Sie ließ die längste Brücke Atlantis' und wahrscheinlich auch der Welt hinter sich und erreichte den äußeren Ring. Er war Wohnstätte der königlichen Garde, hatte Platz für zahlreiche Gärten und Übungsstätten und für das Hippodrom, also die Rennbahn. Doch auch dafür hatte Marina keinen Blick übrig, denn sie war fast am Ziel. Aber der Hafen für die Kriegsflotte war leer. Natürlich, schließlich hatte es lediglich geheißen, sie würden heute ankommen. Von einer Uhrzeit war keine Rede gewesen. Aber sie hatte vor, hier den ganzen Tag zu warten, bis sie ihren Vater gesehen hatte. Oder auch nicht. Sie vertrieb diesen Gedanken hastig aus ihrem Kopf und zog einen Apfel aus der Tasche. Während sie ihn verspeiste, beobachtete sie das rege Treiben. Es hatten sich einige andere eingefunden, die sich ebenfalls auf Warten eingestellt hatten. Vermutlich auch Angehörige der Marinesoldaten.
„Das Ende naht“, rief eine schrille Stimme unerwartet und erschreckte sie damit fast zu Tode.
„Die Götter wollen uns für unsere Sünden bestrafen!“
Endlich konnte sie den Schreihals ausmachen. Es war ein verhutzeltes kleines Männchen (oder Weibchen? Das Geschlecht konnte man irgendwie nicht so eindeutig ausmachen), das versuchte, alle von der drohenden Apokalypse zu warnen. Solche Spinner traf man hin und wieder an.
„Unsere Zivilisation ist dem Untergang geweiht!“, schrie er (oder sie), und stieg dann sogar auf eine leere Kiste, um besser gesehen zu werden. „Der Ozean wird Atlantis verschlingen und niemand wird entkommen können!“
Marina warf ihren Apfelbutzen nach ihm.

Erstes Zwischenspiel: Auf dem Olymp
Zeus war wütend. „So geht es nicht weiter!“, donnerte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass es krachte. „Sie entstammen einem edlen Göttergeschlecht und benehmen sich wie die niedersten Menschen!“
Poseidon schrumpfte bei diesen Worten sichtlich zusammen. Irgendwie war es ja alles seine Schuld. Vor einiger Zeit (für einen Gott war es natürlich nicht ganz so viel), hatte er seinem ältesten Sohn Atlas eine Insel geschenkt. Atlantis. Genau genommen hatte sie damals noch keinen Namen, aber Atlas hatte sie dann nach sich selbst benannt. Atlas, seine jüngeren Brüder und ihre Nachkommen hatten die Insel vorbildlich regiert. Aus einem ländlichen Bauernstaat hatten sie eine hochzivilisierte, mächtige Seefahrernation gemacht. Aber das schien den Atlantiern irgendwie zu Kopf gestiegen zu sein. Sie benahmen sich nämlich immer dekadenter, gieriger und machthungriger. In letzter Zeit war es so schlimm geworden, dass Zeus schließlich eine Vollversammlung einberufen hatte. An einem großen, runden Tisch saßen alle wichtigen Götter, darunter unter anderem Athene oder Aphrodite. Im Hintergrund tummelten sich ein paar niederrangige Götter und Halbgötter, die sichtlich schadenfroh seiner Standpauke lauschten.
„Ich dachte, dass zumindest der Schlag durch die Athener ihnen ein bisschen Vernunft beibringen würde“, fuhr Zeus fort. Athene grinste bei diesen Worten. Es hatte ihr natürlich einen Heidenspaß gemacht, Poseidons Schützlinge niederzumachen. Und das auch noch mit ausdrücklicher Erlaubnis des Göttervaters.
„Doch stattdessen sind sie nur empört über die Niederlage und planen bereits den nächsten Feldzug. Ich sehe mich also gezwungen, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Atlantis muss weg!“
„Wie, weg?“, fragte Poseidon entsetzt.
„Weg“, wiederholte Zeus. „Naturkatastrophe, Seuche, Krieg, lass dir was einfallen. Thanatos wird dir helfen“.
Thanatos, der Herr des Totenreiches, rieb sich voller Vorfreude die Hände. Man bekam nicht alle Tage eine ganze Nation auf einen Schlag.
„Muss das sein?“, fragte Poseidon weinerlich. Seine Augen schwammen in Tränen.
„Es muss“, sagte Zeus bestimmt.
Damit war die Versammlung beendet.

Zweiter Akt: Der Anfang vom Ende
Die Palmen warfen schon lange Schatten und die Sonne versank wie eine Blutorange im Meer, als sie endlich zurückkehrten. Im Laufe des Tages hatte es immer wieder kleinere Beben gegeben. Das war ungewöhnlich, aber nicht beunruhigend, denn es war ja nichts kaputt gegangen. Inzwischen hatten sich ziemlich viele Familien am Kriegshafen eingefunden, um ihre tapferen Soldaten (hoffentlich) in die Arme zu schließen. Marina fuhr die Ellenbogen aus und arbeitete sich, ungeachtet der Beleidigungen und Flüche, die sie dafür erntete, nach vorne. Atlas sei Dank. Dort war er. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gefasst, als sie auch schon von zwei bärenstarken Armen gepackt und ihr Gesicht in den vertrauten, schwarzen Rauschebart gedrückt wurde.
„Den Göttern sei Dank, dir geht es gut“, murmelte er.
„Mir? Das müsste doch wohl eher ich sagen“, erwiderte sie.
„Die Häuser am inneren Ring, stehen sie noch?“, fragte er, ohne eine Erklärung.
„Ja, natürlich, wir hatten doch wirklich schon stärkere Erdbeben“.
„Dort draußen waren sie viel stärker. Es gab Wellen, so hoch wie der Tempel, die einige Schiffe mitrissen. Als ob nicht schon wenig genug von uns zurückkehren würden“. Sein Gesicht verfinsterte sich. „Die äußeren Inseln sind schon komplett überschwemmt. Und wenn das Wasser weiter so steigt, dann erreicht es auch uns“.
„Aber... wohin sollen wir gehen?“ Marinas Stimme klang ungewöhnlich piepsig.
„Zum Zentrum, auf die Akropolis. Der Tempel dort ist der höchste Punkt von Atlantis. Dort sollten wir eigentlich sicher sein“.
Dieses „sollten eigentlich“ klang in ihren Ohren nicht gerade beruhigend. „Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte er und zog sie vorwärts. „Aber Papa!“, rief sie und machte sich los. „Was ist mit Großmutter? Wir müssen sie holen!“ Seit dem Tod ihrer Mutter war sie von ihrer Großmutter aufgezogen worden, weshalb diese, neben ihrem Vater, die wichtigste Person in Marinas Leben war.
„Dafür haben wir keine Zeit!“, rief er ungeduldig. „Sie wohnt doch ganz außen!“. „Das können wir nicht machen, Papa“, sagte Marina eindringlich. „Wir müssen sie holen!“ Einen Moment sah er sie böse an, dann seufzte er unwillig.
„Also gut, aber wir müssen uns beeilen!“
Hand in Hand bahnten sie sich ihren Weg durch die Menge. Einige hatten inzwischen begonnen, verzweifelt Namen zu rufen. Namen von Menschen, die nie mehr zurückkommen würden.
Sie rannten zur nächsten Fähre. Jetzt zur Brücke zu laufen, würde zu viel Zeit kosten. v „Übersetzen für zwei Personen“, rief ihr Vater schon von weitem.
„Das macht dann 1000 Silbertaler“, antwortete der Fährmann gelangweilt.
„WAS?“, rief ihr Vater perplex. „Das kostet normalerweise nicht mal fünf!“
„1000 Silbertaler pro Person“, erwiderte der Fährmann seelenruhig.
„Bist du des Wahnsinns? Wer soll dir solche Preise bezahlen?“
„Och, heute wollen irgendwie alle ganz dringend, ganz schnell übersetzen. Der Preis spielt da keine Rolle mehr“.
Marina hätte den Fährmann mit dem schmierigen Grinsen am liebsten geschüttelt. Doch seine Worte bestätigten sich. Ein Mann und eine Frau drängten sich an ihnen vorbei und warfen dem Fährmann ein klimperndes Säckchen zu.
„Übersetzen!“, bellte der Mann.
Der Fährmann zwinkerte ihnen nach einem kurzen Blick in das Säckchen zu und machte sich daran, ans andere Ufer zu rudern.
„Na warte“, knurrte ihr Vater. „Sein Gesicht hab ich mir gemerkt, das wird er bezahlen“.
Doch es half alles nichts, sie mussten zur Brücke. Denn keiner von ihnen hatte auch nur annähernd so viel Geld dabei.
Ganz Atlantis schien auf den Beinen zu sein. Und alle eilten irgendwo hin, mit einem gehetzten Ausdruck in den Augen, schreienden Kindern an der Hand und vollgepackten Bündeln über der Schulter. Manche hatten ganze Karren vollgepackt mit ihrem Hab und Gut und blockierten damit die Wege. Und da vorne war jemand mit einer ganzen Elefantenherde unterwegs. In Richtung Brücke.
„Schnell, Marina“, rief ihr Vater. Wir müssen die Brücke vor ihm erreichen, sonst verstopft er alles und wir erreichen das andere Ufer nie!“
Sie sprinteten los und einige andere folgten ihrem Beispiel. Sie hatte es längst aufgegeben, sich bei den Leuten zu entschuldigen, die sie auf die Seite schubste. Sie mussten diese Brücke erreichen! Waren Elefanten nicht unglaublich langsame Tiere? Wieso kamen die jetzt auf einmal so schnell vorwärts? Sie tauchte zwischen den Beinen des ersten Elefanten hindurch – und stand auf der Brücke. Doch sie hatte kaum Zeit zum Atemschöpfen, da packte ihr Vater sie auch schon am Arm und zog sie weiter.

Als sie endlich ihr Wohnhaus erreicht hatten, stand Marina kurz vor einer Ohnmacht. So viel war sie noch nie in so kurzer Zeit gerannt. Großmutter hatte bereits ein paar Bündel mit ihren wichtigsten Sachen gepackt und erwartete sie vor der Haustür.
„Mir wurde schon alles erzählt“, sagte sie anstatt einer Begrüßung, kaum dass sie sie erreicht hatten. „Das Wasser steigt unheimlich schnell und in Kürze wird es auch uns erreichen. Wir müssen weg!“
Ihr Vater warf sich, ohne etwas zu sagen, die Bündel über die Schulter und sie rannten los. Marinas Herz schien zehn Mal schneller zu schlagen als sonst und Sichtfeld verschwamm am Rand. Weiter, weiter, weiter, sagte sie sich mit jedem Schritt. Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wie sie das komplette Hippodrom entlang gelaufen war. Das waren 9 Kilometer, dagegen war die Strecke zur Akropolis doch ein Klacks! Allerdings hatte sie damals auch alle Zeit der Welt gehabt und die Angst hatte ihr nicht die Kehle zugeschnürt. v Sie erreichten die Brücke, die noch von der Elefantenherde verstopft wurde. Die riesenhaften Tiere nahmen die ganze Breite der Brücke ein und trotteten gemächlich vorwärts. Die Menschen davor und dahinter fluchten frustriert. Marina und ihrer Familie blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis die Brücke wieder passierbar war. Einige Minuten verstrichen, in denen das Mädchen wieder Atem schöpfen konnte. Inzwischen brach die Dämmerung herein, die Welt verlor an Farbe und nahm die verschiedensten Grautöne an.
Das Erdbeben überraschte sie alle mit einer Heftigkeit, wie es noch keiner erlebt hatte. Es fühlte sich an, als würden die Götter die Erde packen und kräftig durchschütteln. Marina fühlte sich durch die Luft geschleudert, hilflos wie eine Puppe. Unter ihr wölbte sich die Erdoberfläche und warf Hügel. An anderen Stellen brach sie auf und tiefe Krater bildeten sich, die ganze Elefanten verschlingen konnten. Und dann, langsam, unendlich langsam, stürzten die Brückenpfeiler ein. Marina hörte Schreie aus der Kehle von vielen tausend Menschen, während die Brücke auf die Wasseroberfläche klatschte. Im Kanal trieb ein Durcheinander von Menschen, Elefanten und Karren. Das Erdbeben war noch nicht zu Ende und warf meterhohe Wellen, die alles unter sich begruben. Marina starrte entsetzt auf das Chaos, unfähig, etwas anderes wahrzunehmen. Erst als ihr Vater sie schüttelte und ihren Namen schrie, wurde ihr bewusst, dass das Erdbeben vorbei war und sie weiter mussten. Sie stürzten zum Ufer, wo ein Fährmann mit offenem Mund auf die Katastrophe starrte.
„Wenn dir dein Leben lieb ist, dann lass uns dein Boot“, brüllte ihr Vater furchteinflößend. Der Fährmann warf ihnen die Ruder hin.
„Nehmt doch das blöde Boot. Ich muss zu meiner Familie!“ Und Hals über Kopf stürzte er davon.
„Schuft“, knurrte ihr Vater. „Das fällt ihm ja früh ein“.
Marina und ihre Großmutter nahmen Platz, während ihr Vater sich in die Riemen legte. Neben ihnen trieb ein toter Elefant vorbei. Marina hatte noch nie einen toten Elefanten gesehen. Es schien ihr unbegreiflich, dass diese großen, starken Tiere den Naturgewalten ebenso ausgeliefert sein sollten, wie sie selbst.
Sie hörte Menschen um Hilfe rufen, Kinder nach ihrer Mutter schreien und Elefanten verzweifelt tröten. Sie spürte, wie ihr die Tränen übers Gesicht liefen.
Dann hatten sie das Ufer des äußeren Rings erreicht.
„Der Brücke zum inneren Ring wird es nicht anders ergangen sein“, meinte ihr Vater.
„Am besten tragen wir das Boot hinüber“.
Zu dritt schulterten sie das schwere Boot und stolperten los. Marina hätte nie gedacht, dass sie einmal dazu fähig sein würde. Sogar der kleinen, zarten Großmutter schienen übermenschliche Kräfte gewachsen zu sein. Ihre Füße platschten ins Wasser. Waren sie etwa schon am anderen Ende? Aber sie hatte sich zu früh gefreut, das Wasser war hier lediglich schon über das Ufer getreten und hatte alles knöcheltief überschwemmt. Sie wagte einen Blick in Richtung der Wohnstätten der königlichen Garde und ihr lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Gut die Hälfte der Häuser war eingestürzt oder stand windschief da. „Wenn die Häuser auf den zwei Ringen nicht mehr stehen, dann ist es so gut wie vorbei mit Atlantis“. Das hatte Großmutter einmal gesagt. War das wirklich der Fall? War es so gut wie vorbei mit Atlantis? Doch sie hatte keine Zeit mehr, darüber nachzugrübeln, ihr Vater legte ein viel zu strammes Tempo vor und sie hatte Mühe mitzukommen. Wie schaffte das nur Großmutter? Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten sie das Boot zu Wasser lassen. Eigentlich war das Ufer noch längst nicht erreicht, aber das Wasser stand inzwischen auch an Land kniehoch, weshalb man hier schon mit dem Boot weiterkam.
„Wenigstens müssen wir das Boot nicht auch noch über den inneren Ring schleppen“, ächzte ihr Vater. Das Wasser wird ihn schon so überschwemmt haben, dass wir auch da problemlos drüber rudern können“.
Marina wusste nicht, ob das Grund zur Freude war.
Auf dem inneren Ring residierte die Eliteeinheit der königlichen Garde. Die normalen Bürger verirrten sich dort nur selten hin. Man lief höchstens mal drüber, um zum Tempel des Poseidon zu gelangen, der sich im Zentrum, auf der inneren befand. Als Kind war sie einmal mit ihrem Vater mitgegangen, der dort auf einen Ball eingeladen war. Alles, was sie noch in Erinnerung hatte, waren prächtige Häuser, geschmückt mit Statuen und aufwendig angelegte Ziergärten mit Pflanzen und Früchten aller Art. Davon war jetzt nicht mehr viel zu sehen. Viele Bäume lagen entwurzelt auf dem Boden, einige Häuser waren eingestürzt, die Statuen waren zerbrochen. Sie schienen nicht die einzigen zu sein, die auf die Idee gekommen waren, auf der Akropolis Schutz zu suchen. Viele andere Boote mit besorgt und verzweifelt dreinblickenden Insassen ruderten in dieselbe Richtung. Inzwischen war die Nacht über Atlantis hereingebrochen und tauchte alles in eine undurchdringliche Finsternis. Sie erkannten Hindernisse deshalb nicht mehr so schnell und rummsten einige Male gegen Treibgut. Und das Wasser stieg immer weiter, man konnte dabei zusehen! Inzwischen könnte wahrscheinlich ein erwachsener Mann gerade noch so darin stehen. Marina dachte an ihr Zuhause. Das war inzwischen wahrscheinlich längst unbewohnbar. Mitten in ihren düsteren Gedanken glaubte sie plötzlich, einen Hilfeschrei zu hören. Hatte sie es sich nur eingebildet? Nein, da war es wieder! Ein schwaches: „hilfe, hilfe“, drang an ihre Ohren. Sie beugte sich vor und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Da! Waren das nicht zwei Köpfe, die im Wasser trieben? Sie kamen näher und Marina erkannte einen Jungen, etwa in ihrem Alter und ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren, die sich an einer Palme festklammerten. „Hilfe“, krächzte der Junge noch einmal. Er schien am Ende seiner Kräfte zu sein. „Papa!“, rief Marina. „Ruder da sofort hin, wir müssen ihnen helfen!“
„Keine... Zeit“, keuchte ihr Vater zwischen zwei Ruderschlägen. „Siehst du nicht wie schnell das Wasser steigt? Wir müssen an uns selbst denken!“
„Sag mal spinnst du?“ Sie sah ihn entsetzt an. „Das sind zwei Kinder! Die können wir doch nicht einfach so zurücklassen!“
„Es geht auch um dein Leben, Marina“, entgegnete er.
„Das nicht im mindesten davon beeinträchtigt wird, wenn wir sie mitnehmen!“
Er antwortete nicht.
„Na gut“, sagte sie provozierend. „Wenn wir sie nicht sofort an Bord holen, dann springe ich zu ihnen ins Wasser!“
Und als sie tatsächlich Anstalten machte, sich zu erheben, gab er einen Laut von sich, der halb Knurren, halb nachgiebiges Seufzen war.
„Also gut! Ich hole sie ja schon“.
Mit ein paar raschen Ruderschlägen änderte er seinen Kurs in Richtung der beiden Kinder, die ihnen schon von weitem ihren Dank zuriefen.

„Danke, ihr habt uns das Leben gerettet“, sagte der Junge, nachdem sie die beiden triefenden Bündel an Bord gehievt hatten. Marina fragte sich, wieso in einer Stadt, die auf dem Wasser gebaut war, niemand schwimmen konnte. Eigentlich absurd.
„Ich bin Marina“, sagte sie freundlich. „Und wie heißt ihr?“
„Ich bin Kai“, sagte er der Junge und deutete auf sich. „Und das ist meine Schwester Avin“.
Die restliche Fahrt schwiegen sie vor sich hin und lauschten nur den Ruderschlägen und dem keuchenden Atem ihres Vaters. Nach nur kurzer Zeit hatten sie die Akropolis und den Poseidontempel erreicht. Es war das prachtvollste Gebäude, dass Marina jemals in ihrem Leben gesehen hatte. 200 Meter lang, 60 Meter hoch, über und über mit Gold, Silber und Oreichalkos (einem besonderem Metall, das nur in Atlantis vorkam) überzogen. Um den Tempel herum standen unzählige goldene Statuen, die jetzt allerdings umgefallen waren oder bis zum Hals im Wasser standen. Obwohl das hier der höchste Punkt der Insel war. Trotzdem strahlte der Tempel noch eine gewisse Ehrwürdigkeit und Macht aus. Seine riesigen Säulen schienen allem standhalten zu können. Nein, selbst wenn ganz Atlantis versank, dieser Tempel würde überdauern. Sie kamen an einer ebenfalls riesigen Poseidonstatue vorbei. Der Meeresgott als Lenker eines sechsspännigen Wagens. Es sah jetzt allerdings so aus, als würden die Pferde schwimmen. Naja, passte eh besser zu einem Meeresgott.
Doch was war das? Waren das Stimmen? War das ein Licht? Da oben waren doch Menschen!
„Papa, schau mal!“, rief sie aufgeregt und deutete auf die Strickleiter, die neben einer Säule herabbaumelte.
„Die Leute sind auf den Tempel geklettert!“
Das war eigentlich Gotteslästerung aber wer dachte schon daran, wenn es um das eigene Leben ging? Ihr Vater wischte sich den Schweiß von der Stirn und steuerte auf die Strickleiter zu, die leicht im Wind hin und her schaukelte. Marina kletterte als Erste. Die Strickleiter schunkelte bedrohlich, vor allem, als die anderen ihr hinterherkamen. 60 Meter waren ihr schon vorher hoch vorgekommen, aber jetzt erschien es ihr unerreichbar weit oben.
„Nicht nach unten schauen“, sagte sie sich. „Einfach immer weiter klettern. Immer drei Körperstellen berühren die Leiter, damit du nicht runterfällst. Immer weiter“. Wie ein Mantra sagte sie sich das auf, bis sie fast schon überrascht war, endlich auf massiven Stein zu stoßen. Kurz bevor sie ankam, wurde sie schon von festen Händen gepackt und nach oben gezogen. Auch den anderen wurde auf das Tempeldach geholfen. Hier hatten sich bereits etwa hundert Menschen zusammengedrängt und beteten, weinten oder diskutierten. Es war nur ein Bruchteil der Bewohner Atlantis‘. Alleine auf der zentralen Insel wohnten doch schon viel mehr! Und dann gab es noch die äußeren Inseln. Die mussten inzwischen komplett überflutet sein. Marina wurde schlecht. Die stolzen Atlantier, so stark dezimiert in nur einem einzigen Tag. Und vielleicht auch ausgelöscht in einer Nacht? In diesem Moment hörte sie entsetzte Schreie. Sie drehte sich um und auch ihr entfuhr ein fassungsloses Keuchen. Eine riesige Flutwelle raste auf sie zu. „Das ist das Ende“, dachte sie.

Zweites Zwischenspiel: Ein nachsichtiger Göttervater
„Aber müssen denn wirklich alle sterben?“, schniefte Poseidon. Seine Haare hingen wie vertrocknete Algen herab und aus seinen meerblauen Augen strömten Tränen.
„Ich meine, sie sind doch nicht alle schlecht. Darf ich nicht wenigstens ein paar retten?“
Thanatos gähnte und verdrehte die Augen. Mit solchen Zimperlichkeiten konnte er natürlich nichts anfangen. Wie man an einzelnen Menschenleben so hängen konnte, war ihm völlig unbegreiflich. Für ihn war nur ein toter Mensch ein guter Mensch.
„Naja...“, sagte Zeus einlenkend. Poseidons Verzweiflung ging ihm sichtlich nahe.
„Also gut. Vielleicht lernen die Überlebenden ja aus den Fehlern ihres Volkes. Du darfst ein paar retten. Aber“, er hob drohend den Zeigefinger, „wirklich nur die, die auch das Zeug zu besseren Menschen haben!“
Poseidon putzte sich geräuschvoll die Nase. „Danke“, murmelte er.
Thanatos schnaubte verächtlich. Wenn man auf die Tränendrüse drückte, konnte man bei Zeus aber auch wirklich alles erreichen, was man wollte!

Dritter Akt: Die versunkene Stadt
„Marina, komm schnell“, hörte sie die Stimme ihres Vaters. Von irgendwoher hatte er ein Fass und ein Seil aufgetrieben. Geschickt umschlang er ihre Hüfte damit und knotete sie am leeren Fass fest. „Papa, was machst du da?“, rief sie mit schriller Stimme.
„Ich rette dein Leben. Zumindest versuche ich es“.
„Und… und du? Und Großmutter? Und Kai und Avin?“
Sie blickte zu den beiden Geschwistern, die sich an den Händen hielten und entsetzt auf die Flutwelle starrten.
„Ich weiß es nicht“, entgegnete er kraftlos. „Aber du wirst leben, hörst du?“, sagte er dann eindringlicher. „Das ist alles, was zählt!“
„Ich will aber nicht alleine leben“, piepste sie und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Sie sah nach unten und erblickte die Poseidonstatue. Inzwischen war nur noch der Kopf des Gotts zu sehen. Für einen Moment hätte sie schwören können, dass er ihr zuzwinkerte. Bestimmt nur eine Angsthalluzination.
Sie umarmte ihren Vater und versuchte ihn festzuhalten. So fest, dass sie ihn vielleicht auch retten könnte. Großmutter, Kai und Ava kamen hinzu. So standen sie da, ein fest ineinander verknotetes Menschenknäuel, als die Flutwelle über sie hineinbrach.

Wasser. Sog. Orientierung? Schmerz. Am linken Fuß.
Luft! Für einen Moment durchstieß ihr Kopf die Wasseroberfläche und sie konnte atmen! Und dann wieder Druck. Wasser. Wirbel.
So ging es Ewigkeiten lang. Immer wieder wurde sie unter Wasser gedrückt und hilflos hin und her gewirbelt. Und jedes Mal, wenn sie dachte, ihr Kopf müsste gleich vor Sauerstoffmangel platzen, kam sie für eine Sekunde wieder an die Oberfläche.
Irgendwann beruhigte sich das Wasser. So, als wäre es wütend gewesen, als hätte es getobt und wäre jetzt erschöpft, aber zufrieden. Die Wasseroberfläche war glatt, nur ein paar kleine Wellen plätscherten gegen das Fass, an dem sich Marina festklammerte. Im Licht der aufgehenden Sonne drehte sie sich verzweifelt in alle Richtungen, versuchte irgendetwas zu entdecken! Nichts. Nur Wasser. Irgendwann gab sie es auf. Und trieb langsam auf den Sonnenaufgang zu.

Isolde Ruhdorfer


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